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Alles nur Fassade? Aktuelle Perspektiven und Potenziale zur Nutzung von Gebäudehüllen

Fotos:  © Christian Schneider / Regionalinkubator Berlin Südwest, Autor: Thorsten Murr

Innovative Fassadennutzung: Wie schafft Architektur einen Mehrwert?                  Eine Veranstaltung im Zukunftsort Berlin SÜDWEST

35. REGIOTALK VOM 11.06.2026 in der bundesanstalt für Materialforschung und -prüfung (BAM)

  • Thema: Potenziale für innovative Fassadennutzung zur Optimierung der Lebensqualität und der Klimaresilienz in der Stadt
  • Ort: Bundesanstalt für Materialforschung und -prüfung (BAM)
  • Fokus: Fassadenkonzepte aus Theorie und Praxis für eine zukunftsfähige Stadt
  • Ziel: Fassadensysteme aus der Wissenschaft und Praxis präsentieren und evaluieren
  • Praxisbeispiele: Algen-Biofilm-Fassaden der Bundesanstalt für Materialforschung und -prüfung; Gebäudefassaden, Fassadenregenwassersystem und Dachgarten der Dieringer Blechbearbeitung OHG

Alles nur Fassade? Aktuelle Perspektiven und Potenziale zur Nutzung von Gebäudehüllen

WIE GEBÄUDEFASSADEN NOCH EFFEKTIVER UND NACHHALTIGER GENUTZT WERDEN KÖNNEN, WAR DIE FRAGE, DER UNSER 35. REGIOTALK AM 11. JUNI 2026 NACHGING. GASTGEBER DER VERANSTALTUNG WAR DIE BUNDESANSTALT FÜR MATERIALFORSCHUNG UND -PRÜFUNG (BAM) IN LICHTERFELDE WEST.

 Bio oder Blech – Forschung und Industrie im Dialog

 Trotz des am selben Abend bevorstehenden Eröffnungsspiels der Fußball-WM sind 36 Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Einladung in den Ludwig-Erhard-Saal der Bundesanstalt für Materialforschung und -prüfung (BAM) gefolgt, um an diesem exklusiven Ort einer spannenden, teilweise auch kontrovers geführten, aber überaus unterhaltsamen Debatte beizuwohnen.

 

Nach der Begrüßung durch den Projektleiter des Regionalinkubators Berlin Südwest, Juri Effenberg, gibt Hausherr Dr. Andreas Rogge einen kurzen Überblick über die Aufgaben der Bundesanstalt für Materialforschung und -prüfung (BAM) und leitet auf das heute gesetzte Thema über. 

 

Biofilme im Fokus der Forschung

Unter dem Titel „Gestalten im Dialog mit der Natur: Algenbiofilme als neue Form der Gebäudebegrünung“ präsentieren Prof. Dr. Anna Gorbushina und Dr. Julia von Werder von der Bundesanstalt für Materialforschung und -prüfung (BAM) die Inhalte und Ziele ihrer Forschungsarbeit. Kernthema des lockeren und lebendig akzentuierten Vortrages der beiden Wissenschaftlerinnen sind sogenannte „Biofilme“, womit im Allgemeinen die Ansiedlungen von Mikroorganismen bezeichnet werden, die man nach einiger Zeit an so ziemlich jeder Gebäudefassade findet, die direkt oder durch Abfluss von Regenwasser befeuchtet wird. „Jede Fassade ist ein dynamischer Lebensraum, wir müssen sie nur kennenlernen und sie dann aktiv nutzen“, stellt Prof. Dr. Anna Gorbushina, die Grundüberlegung ihrer Forschungsarbeit mit einfachen Worten vor. Biofilme an Hausfassaden – im engeren Sinne sind es Algenkulturen – entstünden bislang ohne Zutun des Menschen, würden meist gar als störend empfunden, tragen aber dank ihrer Photosynthese zur Umwandlung von Kohlendioxid in Sauerstoff bei, was vor allem in dichtbebauten städtischen Gebieten ein relevanter Faktor zur Klimaverbesserung sein könne.

 

Viel Fläche, großes Potenzial – neue Perspektiven anwenden

„Berlin-Zehlendorf hat geschätzt 30 Millionen Quadratmeter Fassadenfläche, die man multifunktional nutzbar machen kann“, führt sie an und erklärt: „Biofilme sind minimalistische Lebensgemeinschaften: keine Dschungel, sondern angepasst, genügsam, direkt auf der Materialoberfläche. Dabei durchaus mit ästhetischer Qualität.“ Gleichzeitig verweist sie aber auch auf eine tradierte andere Auffassung in der Gesellschaft, die wilde Begrünung aus ästhetischen Gründen ablehne. „Wir brauchen eine neue Sichtweise, um natürliche Prozesse zu bewerten“, betont sie deshalb. Vorteile und Nachteile müssten stets klug abgewogen werden. Einerseits sollte man Möglichkeiten zur Nutzbarmachung natürlichen Algenwachstums an Fassden untersuchen, andererseits aber auch schädigende Beeinträchtigungen von Bausubstanz, etwa von historischen Denkmälern, nicht ignorieren.

 

Suche nach geeigneten Baustoffen: Beton ist Favorit

Dr. Julia von Werder bekräftigt die Auffassungen ihrer Kollegin: „Im Wald stören Biofilme nicht. Es wäre doch schön, wenn sie auch auf Fassaden nicht als störend empfunden werden. In Zusammenarbeit mit Architekten können ästhetische Lösungen geschaffen werden.“ Gegenstand der Forschung von Dr. Julia von Werder sind vor allem Materialeigenschaften der Baustoffe, die für eine kontrollierte Ansiedlung von Biofilmen geeignet wären. Bisher werde Beton favorisiert. „Beton ist ein flexibel mischbares und maximal anpassbares Material, um zu studieren, wie sich Biofilme auf unterschiedlichen Oberflächen entwickeln“, erklärt sie.

 

Ziel sei, herauszufinden, welche Arten von Beton, welche Mischungen und Texturen für welche Zwecke einer Begrünung mit Mikroorganismen am besten geeignet wären. Somit sei Beton auch ein gutes Pioniermaterial, um die Beeinflussung und mögliche Steuerung des Algenwachstum durch die Kombination von Materialwahl und Umweltfaktoren wissenschaftlich präzise zu erforschen, was sie anhand beispielhafter Experimente und Testmethoden veranschaulicht. „Es geht immer um das Zusammenspiel von Substrat und Umwelt“, erklärt sie. Generell würden Fassadenflächen gesucht, um bestimmte Erkenntnisse testweise in der baulichen Praxis – etwa mit unterschiedlichen Befeuchtungssystemen – zu erproben.

 

Regenwasser fernhalten vs. Regenwasser nutzbar machen

„Mein Leben war bisher davon geprägt, Wasser von den Wänden fernzuhalten“, sagt mit einem verschmitzten Lächeln Christopher Kern, Inhaber der Dieringer Blechbearbeitung OHG, zu Beginn seines Vortrages und markiert damit eine deutlich andere Perspektive auf das Thema Fassade als seine Vorrednerinnen. Die Dieringer Blechbearbeitung ist ein seit 1903 auf Metallverarbeitung spezialisiertes, international erfolgreiches und renommiertes Unternehmen mit globalen, auch sehr prestigeträchtigen und preisgekrönten Referenzen. Christopher Kern verweist in seiner Präsentation mehrfach auf den Wunsch von Investoren, Bauherrn und Architekten, optisch anspruchsvolle Fassaden zu gestalten, die zudem einen maximalen Schutz des Gebäudes vor Witterungseinflüssen gewährleisten. Biofilme an der Substanz seien somit das, was verhindert werden solle.

 

Ästhetische Lösungen, um akzeptiert zu werden

Auch bei Anerkenntnis etwaiger Potenziale, die auch in seinen Augen eine wilde Begrünung habe, überwiege im Baugewerbe stets der Drang nach visueller Attraktivität und bestimme die Entscheidungen. „Wir arbeiten an Technologien, die Fassaden möglichst dauerhaft schön machen. Neben der Funktionalität ist immer die Ästhetik entscheidend“, erklärt er. Hohe Qualität und Langlebigkeit der Lösungen seien für ihn entscheidende Merkmale von Nachhaltigkeit. Hinsichtlich der Offenheit für neue Perspektiven und Ansätze, sagt er: „Grüne Ideen im ,Land der Bedenkenträger‘ sind immer schwierig. Es ist sehr kompliziert, solche Projekte umzusetzen.“ Mit seinem Unternehmen sehe er sich bereits als ein Wegbereiter für Innovationen und führt unter anderem den mehrfach ausgezeichneten nachhaltigen Dieringer-Firmengarten an, in dem zur Ableitung von Regenwasser ein komplexes begrüntes Rinnensystem integriert ist, das gleichzeitig als Areal für Nutz- und Zierpflanzen genutzt wird. „Niemand will der Erste sein, deshalb sind wir selbst manchmal die Ersten.“

 

Das vermeintlich Negative positiv sehen

Anschließend gehen die Expertinnen und Experten in der von Projektleiter Juri Effenberg angeregten und moderierten Podiumsdiskussion der Frage nach, welche Vorstellungen sie von Fassadengestaltungen und -nutzungen im Jahr 2045 haben. „Schön wäre, wenn man einen Paradigmenwechsel erreichen könnte und die Lebendigkeit und Veränderung der Gebäude Teil der Ästhetik wird“, ermuntert Dr. Julia von Werder die Anwesenden. „Wir können Funktionalitäten kombinieren, auch an ein und demselben Haus“, sagt Anna Gorbushina. „Das Beobachten der Natur kann uns helfen: Welche Organismen besiedeln bereits eine Oberfläche, und wie lassen sich ihre Eigenschaften sinnvoll nutzen?“

 

Individuelle Konzepte, ohne Standardformate

Christopher Kern führt an, dass das Thema Stromgewinnung an Wichtigkeit gewinne, die verfügbaren Technologien aber ohne ansprechende Ästhetik kaum anerkannt würden. „Wenn etwas schön aussieht, wird es eingesetzt. Deshalb müssen wir weg von Standardformaten und individueller werden“, betont er. „Alle Lösungen, die wir schaffen, müssen ästhetisch sein, um akzeptiert zu werden. Die Funktionalität einer Fassade muss ja nicht immer sichtbar sein.“ Wichtig sei zudem, dass für Entscheidungsträger messbarer Mehrwert entstehe und die Qualität überzeugt. „Nachhaltig ist etwas, das lange hält“, so sein Statement.

 

Keine One-fits-all-Lösung, aber kluge Kombinationen

„Es gibt keine One-fits-all-Lösung“, sagt Julia von Werder und fasst damit bereits den wesentlichen Inhalt der Diskussion zusammen. „Es geht um Vielfältigkeit und um eine kluge Kombination verschiedener Konzepte, inklusive einer optimalen Nutzung von Regenwasser.“

 

Im Anschluss an den angeregten und durch Fragen und Beiträge aus dem Publikum zusätzlich bereicherten Meinungsaustausch nutzen viele Gäste die seltene Gelegenheit, in der Bundesanstalt für Materialforschung und -prüfung (BAM) einmal hinter die Kulissen zu schauen und folgen einer von Dr. Andreas Rogge geleiteten Führung durch eine der Werkhallen der Bundesanstalt, in der Baustoffe getestet und geprüft werden. 

 

Somit endet ein an Informationen und Impulsen reicher Abend als ein gelungener, überaus charmant und unterhaltsam geführter Dialog zwischen Wissenschaft und Industrie. Die Sichtweisen, Interessen und Prämissen der jeweils anderen Akteure zu kennen, ist sicherlich eine hilfreiche Voraussetzung, um in einem speziellen Metier innovativ wirksam werden zu können.    

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