Unternehmensnachfolge Zwischen Übergabe und Neuausrichtung: Wie gelingt der Wechsel?
Fotos: © Christian Schneider / Regionalinkubator Berlin Südwest, Autor: Thorsten Murr
Unternehmensnachfolge Zwischen Übergabe und Neuausrichtung: Wie gelingt der Wechsel?
32. REGIOTALK VOM 04.02.2026 Bei Dosch Messapparate GmbH
- Thema: Herausforderungen und Chancen der Unternehmensnachfolge
- Ort: Dosch Messapparate GmbH
- Fokus: Möglichkeiten der internen sowie externen Nachfolge
- Ziel: Austausch und Herangehensweisen zur Planung, Durchführung und Etablierung einer gelungenen Unternehmensnachfolge
- Praxisbeispiele: familieninterne Nachfolge bei Dosch Messapparate GmbH, betriebsinterne Nachfolge bei Priedemann Fassadenberatung GmbH und externer Nachfolgeprozess mit der Nachfolgezentrale Berlin
Unternehmensnachfolge - weitergeben, weiterdenken, weiterführen
Unser 32. RegioTalk am 4. Februar 2026 fokussierte sich auf den Prozess der Unternehmensnachfolge – und damit auf ein gleichermaßen anspruchsvolles, vielseitiges und spannendes Themengebiet, zu dem wir einige persönliche Erfahrungen und Erkenntnisse aus erster Hand präsentieren konnten.
Die meisten der über 30 Gäste hatten das Angebot genutzt und bereits vor Beginn der eigentlichen Veranstaltung an einer Betriebsführung durch das gastgebende Unternehmen Dosch Messapparate GmbH teilgenommen. Geschäftsführer Sven Dosch erläuterte vollumfänglich den Geschäftsgegenstand und die Produktionsprozesse seiner Firma. Das über 90-jährige Familienunternehmen Dosch, mit derzeit 40 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, entwickelt und produziert Instrumente und anspruchsvollste Präzisionsbauteile für Differenzdruckmessungen – in Einzelfertigung für Auftraggeber auf der ganzen Welt.
Übergaben innerhalb der Familie: Vertrauen zählt
Nach der Begrüßung und einigen einleitenden Worten von Juri Effenberg, Projektleiter des Regionalinkubators Berlin Südwest, berichtet Gastgeber Sven Dosch als erster Referent des Abends über seine Erfahrungen aus der erst wenige Jahre zurückliegenden Übernahme des Betriebes von seinem im Publikum anwesenden Vater.
„Mir war bewusst, dass ich als Geschäftsführer aufgrund meiner anderen Qualifikation auch einen anderen Job als mein Vater im Unternehmen machen würde“, sagt er. Während sein Vater seinerzeit ein technisches Studium absolviert habe und seine Kompetenzen maßgeblich in den eigentlichen Entwicklungs- und Produktionsprozess eingebracht hätte, sehe er sein eigenes Handlungsfeld eher im Managementbereich. Mit einer daraus folgenden Neugestaltung von Leitungsstrukturen sei auch eine spezielle Dynamik ins Unternehmen gekommen, die gemeistert werden musste.
„Es geht immer um Personen, die den Wechsel von alt zu neu mittragen müssen. Sowohl innerhalb der Familie, in der die Übergabe erfolgt, als auch in der Firma selbst, wo es um die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter geht“, betont Sven Dosch.
Dafür sei vor allem Vertrauen die Basis. „Ohne gegenseitiges Vertrauen wird es nicht gelingen. Das Vertrauen meiner Eltern war mir am wichtigsten und hat mir sehr geholfen. Es wäre sicherlich weitaus schwieriger gewesen, wenn eine Übergabe an fremde Personen erfolgen soll.“ Ebenso wichtig sei selbstverständlich auch das Vertrauen der langjährigen Belegschaft in die neue Führung.
Management-Buy-out: Kandidaten heranreifen lassen
Auch Wolfgang Priedemann, ehemaliger Inhaber und Geschäftsführer der Priedemann Fassadenberatung GmbH, eines seit 1993 international erfolgreich operierenden Unternehmens mit weltweiten Niederlassungen, betont: „Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind das wichtigste Gut eines Unternehmens“. Der heute 78-Jährige hatte sein Unternehmen an zwei langjährige Führungskräfte seiner Firma verkauft, die sich seitdem die Geschäftsführung teilen und als Doppelspitze agieren.
„Nachfolgekandidaten innerhalb des Unternehmens müssen heranreifen. Deshalb sollten talentierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter rechtzeitig und offen aussprechen, wenn sie langfristig im Unternehmen bleiben wollen und führende Positionen anstreben“, erklärt er. Dabei sei auch eine realistische Einschätzung von verfügbarer Lebenszeit und noch zu absolvierenden Berufsjahren wichtig. Jemand, der im Alter von 45 Jahren beginne, sich auf eine Übernahme vorzubereiten, könne mit 55 reif dafür sein. Die Leistungsfähigkeit von qualifizierten und erfahrenen 55- bis 70- Jährigen solle man dabei nicht unterschätzen.
Transparenz und Hilfe an der Schnittstelle
Als dritter Referent des Abends stellt Timur Türel Sastimdur das Beratungs- und Unterstützungsangebot der Nachfolgezentrale Berlin vor. Die Nachfolgezentrale Berlin wurde im Juni 2024 etabliert und ist ein Gemeinschaftsprojekt der BürgschaftsBank Berlin, der Handwerkskammer Berlin und der Industrie- und Handelskammer Berlin, gefördert durch die Senatsverwaltung für Wirtschaft, Energie und Betriebe.
Ausgehend von seinen präsentierten Daten und Fakten stünden bundesweit durchschnittlich 52 von je 1.000 Unternehmen zur Übergabe bereit. Davon wiederum sollen fast die Hälfte extern verkauft, 34 Prozent innerhalb der Familie weitergegeben und 19 an Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter veräußert werden. Während es bundesweit deutlich mehr zur Übergabe stehende Unternehmen als Nachfolgeinteressierte gebe, sei das Verhältnis in Berlin genau andersherum: In der Datenbank der Nachfolgezentrale seien viele Interessierte, aber nur wenige übergabebereite Berliner Unternehmen registriert. Signifikant sei unter anderem, dass es unter den Nachfolgekandidatinnen und -kandidaten eine Geschlechterverteilung nach weiblich und männlich von ungefähr 1:5 gebe.
Matching und kostenlose Beratung
Das Beratungs- und Unterstützungsangebot der Nachfolgezentrale Berlin bestehe im Wesentlichen in der Anbahnung und Vermittlung zwischen zur Übergabe stehenden Unternehmen und an der Nachfolge Interessierten. „In unserer Beratung schaffen wir zunächst Transparenz für die an einer Übernahme Interessierten. Denn man sollte zum Beispiel schon eine Bilanz lesen und verstehen können, wenn man ein Unternehmen übernehmen möchte“, erklärt Timur Türel Sastimdur. „Wir bereiten vom zu übergebenden Unternehmen im Gespräch alle relevanten wirtschaftlichen Parameter und Daten auf, klären Zusammenhänge und prüfen Risiken.“ Die Vorstellung des Unternehmens erfolge anonymisiert. Nach einem erfolgreichen Matching mit einem Nachfolger würde schließlich ein persönliches Kennenlernen koordiniert. Der gesamte Prozess und die Beratungsleistungen seien kostenlos.
Individuelle Motivationen beachten
Auch Timur Türel Sastimdur verweist auf die Relevanz der jeweils beteiligten Persönlichkeiten: „Unternehmensübergaben sind immer ein sehr individueller Prozess, der auch sehr individuell motiviert ist. Manche Unternehmer müssen verkaufen, andere wollen ihr Lebenswerk erhalten – auch zugunsten der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Auch das müssen wir in unseren Matchings zwischen Anbieter und Nachfrager berücksichtigen.“
In der anschließenden von Juri Effenberg moderierten Diskussion, ergänzen alle drei Referenten ihre Darlegungen mit weiteren Facetten und ernten Zustimmung aus dem Publikum. So etwa schätzt Sven Dosch ein, dass die Attraktivität, Unternehmer zu sein, unter seinen Altersgenossen nachgelassen habe. Viele hätten keine Ambitionen – „keinen Bock“ – auf die Herausforderungen, die damit verbunden wären.
Wolfgang Priedemann hebt die Bedeutung der fachlichen Kompetenz des Nachfolgers hervor, die insbesondere bei der weiteren Beratung von langjährigen Stammkunden wichtig sei. „Das Know-how der Personen ist wichtiger als das Geld!“ appelliert er und unterstreicht damit einmal mehr seine bereits zuvor dargelegte Sichtweise.
Zusammenfassend haben sowohl die Vorträge als auch die Diskussion die Vielschichtigkeit und Dringlichkeit des Themas Unternehmensnachfolge eindrucksvoll verdeutlicht. Festgehalten werden kann, dass insbesondere die individuellen Motivationen der Beteiligten, die Einbindung der Belegschaft sowie vorhandene persönliche Kompetenzen die wesentlichen Erfolgsfaktoren für eine gelungene Übernahme und eine nachhaltige Fortführung bestehender Betriebe sind.
Präsentation der Nachfolgezentrale Berlin zum Unterstützungsangebot bei der Suche nach einer Unternehmensnachfolge:













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